7.

Für einige Sekunden steh ich da also eingefroren im Hier und Jetzt. Was wohl passieren würde wenn ich mich einfach nicht mehr bewege? Ich drücke meine Füße fest gegen den Boden. Würden mir mit der Zeit Wurzeln wachsen, die mir die fehlende Erdung in meinem Leben schenken? Ich erhöhe den Druck auf meine Füße und spanne meine Beine an. Würde ich zu Stein werden? Hart und kalt, ohne die geringste Fähigkeit zu empfinden? Unzerstörbar? Die Muskeln in meinen Beinen beginnen zu zittern als ich die Fersen so voller Kraft in den Boden unter mir stemme, dass man meinen könnte, es würden Dellen entstehen. Ich halte diese Körperspannung noch weiter zwei Sekunden aus, ehe meine Beine nach geben und ich auf die Knie falle. Der Knoten des Bademantels löst sich und gibt meine Haut frei. Wie ein Vorhang im Theater, schließt er sich zu beiden Seiten um mich. “Erbärmlich”, schießt es mir durch den Kopf. “Du bist so erbärmlich.”

Eine Weile bleibe ich noch so liegen und höre meinem eigenem Atem zu. Er ist nicht gleichmäßig und ruhig sondern viel zu schnell und er endet immer wieder ruckartig. Warten und heulen kann ich. Heulen und warten. So wie Emma auf die Momente wartet, in denen sie mal wieder “sterben” konnte, und ja sie stirbt wahrlich für ihr Leben gerne, so warte ich auch. Ich habe nur ein Problem. Ein klitzekleines und eigentlich auch gar unwichtiges Problem bei der ganzen Warterei. Ich habe keinen Grund hierfür. Ich meine dieser Prozess des Wartens ist eigentlich von einem Anfang und einem Ende bestimmt. Niemand käme auf die Idee sich eine Pizza zu bestellen und diese dann einfach nicht mehr in Empfang zu nehmen, wenn der Pizzabote vor der Tür steht um dem warten ein Ende zu bereiten. Wobei ich mir eingestehen muss, dass ich gerne seinen Blick sehen würde wenn man ihn darum bitten würde einfach wieder zu gehen, weil man beschlossen hat eine Ewigkeit auf seine Pizza zu warten. Es wäre auch völlig idiotisch, sich an einen Bahnhof zu stellen und nicht in den Zug zu steigen auf den man gewartet hat. Egal wie ich es drehe oder wende, man sollte einen Grund für das warten haben. Wieso, verdammt nochmal, habe ich diesen dann nicht?

Worauf warte ich?

Ich greife mir eines der Endes des Gurtes am Bademantel und tupfe mir über meine nassen Augen. Mittlerweile brennen sie bei jeder Berührung wie Feuer und ich brauche nicht in den Spiel zu gucken, um zu sehen, dass sie auch genauso rot sind. Wenigstens ist der Stoff des Mantels butterweich und ich bin gewillt mein Gesicht in ihn zu drücken. Zuckerwattenfeeling. Man gönnt sich ja sonst nichts, nicht wahr? Als hätten die Bandemantelproduzenten diese, ich muss zugeben auch nicht gerade günstigen Schätze, genau für solche bitteren Momente im Leben geschaffen. Sie verdienen meiner Meinung nach viel mehr Respekt für solch ein einmaliges Produkt! Denke darüber nach ihnen eine Dankes Email zu schreiben. Einer muss schließlich den Anfang machen. Ein glucksen bei dem Gedanken daran, überrollt mich von innen. Ich merke wie es hoch krabbelt und dann schallend aus mir bricht. Erneut schiessen mir die Tränen in die Augen aber dieses mal werden sie durch mein Lachen freigesetzt. Kichernd rolle ich mich auf den Rücken und halt meinen nackten Bauch.

Vielleicht hatte Emma Recht? Vielleicht war es wirklich an der Zeit dieses Selbstmitleid zu beenden. Ich fiel als er ging und ich stehe wieder alleine auf. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich halte die Luft an. Nein mein warten war gar nicht grundlos und es war auch nicht sinnfrei. Ich wartete immer noch auf ihn und während ich diesen Gedanken laut denke, ist es so als würde ein Schalter kippen. Er ist aus meinem Herzen gegangen, ohne richtig auf Wiedersehe zu sagen und ich stand immer noch vor dieser verschlossen Tür und wartete darauf, dass er zurück kommen würde. Aber er würde nicht kommen. Er würde zum Teufel nicht wieder kommen und es ist nun für mich an der Zeit, die Tür noch mal zu öffnen und ihm hinterher zu schreien das diese sich für ihn auch nie, wirklich nie, mehr öffnen würde.

Es war an der Zeit aufzustehen. Und nein, nicht nur weil mir mittlerweile so kalt geworden ist, dass ich jedem Eisblock hätte Konkurrenz machen können, nein es war jetzt endlich der richtige Moment um einen Schlussstrich zu ziehen. Und während ich mich mit meinen kalten Gliedern, ächzend vom Boden auf raffte und zur Küche bewegte, schlossen sich meine Finger wie von selbst um die herum liegenden Kinderriegelverpackungen. Ich setzte meinen Fuß schwungvoll auf den Öffner der Mülltonne und als würden die Papierchen stinken, pfefferte ich sie hinein. Zufrieden sah ich mich noch eine Augenblick in der Chrome Oberfläche des Eimers spiegeln, bevor der Deckel scheppernd zu knallte. Emma konnte kommen!

6.

Während ich noch ein, oder gar zwei Augenblicke das gute Gefühl in meinem Bauch genieße, höre ich das Surren des Vibrationsalarms meines Handys, das im Flur liegt. Verdammt! Murrend schlage ich die Beine aus dem Bett und schnappe mir den weißen Bademantel von der Stuhllehne. Nicht einen Funken der kuschligen Wärme aus dem Bett möchte ich verlieren und binde den Mantel straff um mich. Ein dicker Knoten verschließt ihn wie ein schweres Schloss.

Ich werfe einen Blick in den dunklen Flur und sehe das Handy immer noch hell erleuchtet. Augen zu und durch! „Hallo?“ Es dauert keine Sekunde bis sich Emma meldet. „Hannah? Hallo! Mensch ich versuche dich seit Tagen zu erreichen. Wo steckst du?? Weißt du eigentlich wie oft ich versucht habe dich an das Telefon zu bekommen? Ich bin fast umgekommen vor Sorge!“ Ihre Stimme überschlägt sich vor Aufregung. Umgekommen? Sie hat wahrlich einen Hang zur Dramatik. Emma stirbt nämlich immer und überall. Der Tod ist ihr zum Beispiel sehr nahe, wenn sie eine wichtige Nachricht erst als letzte bekommt. Es ist aber ebenso möglich, dass sie vor Glück diese Welt der Lebenden verlassen kann. Im Grunde lebt Emma nur in den wenigen Minuten zwischen ihren mehrfachen Todesursachen, die ihr so über den Tag hinweg passieren. Zumindest,  wenn man ihren Aussagen hierzu Glauben schenkt. Ich habe ihr Gesicht genau vor Augen. Sie bekommt immer so schnell hektische Flecken an ihren Wangen, wenn sie in Rage gerät. „Emma mir geht es gut. Ich habe nur… nur ein wenig nachgedacht.“

„Verkrochen hast du dich! Du in dieser einsamen Höhle! Es reicht jetzt und wenn ich dich eigenhändig aus diesem Loch ziehen muss!!!“ Da war sie also wieder. Emma  hat sich in einer Sekunde auf die nächste in das weltbekannte Großeschwesternmonster verwandelt, dass mich bereits seit dem ich auf der Welt bin verfolgt. Sie kennt nach dieser Metamorphose nur noch eins: die Rettung. Die Rettung ihrer kleinen, graumäusigen Schwester, die mal wieder in einem ihrer zahlreichen, schwarzen Gedankenlöcher gefangen ist. „Ich wiederhole mich gerne nochmal für dich: Mir geht es gut! Du brauchst dir keine Sorgen machen…“ Mit einem abwertenden Zischen fällt sie mir ins Wort: „Ich wette mit dir, du hast seit Tagen nichts gegessen! Hannah, was war deine letzte warme Mahlzeit?! Und wage jetzt nicht zu behaupten, einer deiner Schokoriegel wäre Nahrhaft genug!!“

Es hat keinen Sinn. Solange Emma ihre Rolle voll auslebt, kann ich nur ihr wildes Geplapper über mich ergehen lassen. Nicht, dass sie Unrecht hat. Ja ich erinnere mich nicht an das letzte warme Essen, das ich zu mir genommen habe und die Verpackungen der Schokoriegel, die den Küchenboden übersäen, gehören dringend in den Müll gebracht. Dennoch hat sie kein Recht, mir so eine Szene zu machen. Ich atme schwer aus, nehme das Handy vom Ohr und höre weiterhin ihre peitschenden Worte. Mit einer schnellen Bewegung des Daumens treffe ich die Taste mit dem roten Telefon darauf.

Stille. Endlich! Es wird nun mit Sicherheit einige Sekunden dauern bis Emma bemerkt, dass ich nicht mehr am Telefon bin. Was mir aber nun nach dieser Aktion blüht, weiß ich genau. Jetzt kann ich nur noch warten, bis sie hier mit  ihrer blonden und wehenden Haarmähne auftaucht. Warten, ja, das kann ich wahrlich gut.

5.

Der Wecker klingelt und schrillt unerbittlich in die Stille hinein. So eindringlich, dass ich schlagartig die Augen aufreiße und mein Herz für eine Sekunde vor Schreck aussetzt. War ich nicht erst vor ein paar Minuten eingeschlafen?

Ich fühle mich wie von einem Zug überfahren und drehe mich stöhnend auf die andere Seite des Bettes. Der kleine Tisch daneben, den ich vor ein paar Jahren auf dem Flohmarkt erstanden hatte, passte eigentlich nicht zum Rest der Wohnungseinrichtung. Er ist aus dunkelbraunen Holz, fast schon schwarz und hat kleine goldene Füße, an denen bereits einige Ecken abgeplatzt und Risse zu erkennen sind. Dennoch konnte ich nicht an ihm vorbei laufen.

Auf der Tischplatte sind mehrere kleine Ornamente geschnitzt, in denen sich der Staub sammelt. Einen fingerbreit darunter befindet sich eine kleine Schublade die durch ein messingfarbenes Schloss verschlossen ist. Ich strecke meine Hand unter der Bettdecke hervor und berühre die feinen Schnörkel des kalten Metalls. Das innere der Truhe bleibt verschlossen. Die ältere Dame, der der dieser Tisch gehörte, erklärte mir, dass sie den Schlüssel hierzu nicht mehr gefunden hatte und er deshalb dieses Geheimnis für immer wahren würde.

Ich erstand ihn für einen Apfel und ein Ei und fuhr in stolz nach Hause. Dort stellte ich ihn an einige Plätze in der Wohnung. Er trug einige Blumen und durfte auch als Teebeschützer in der Küche stehen. Aber erst im Schlafzimmer fügte er sich auf seine unperfekte Art und Weise perfekt in den Raum ein. Seither steht er also hier am Bett und ist nicht mehr weg zu denken.

Alt und gebraucht. Nicht mehr vollständig und deshalb ein kleiner Geheimniswahrer. Nicht ohne Makel und gerade deshalb einzigartig. Ich drehe mich wieder auf den Rücken und lasse mich in die vielen Kissen sinken. Schließe nur für einen Augenblick die Augen und genieße die erneute Stille, die man nur an einem solchen Wintermorgen erleben kann. Mein Atem geht tief und ich versuche meine Lungen bis zum Platzen mit Sauerstoff zu füllen.

Ein zweites Mal öffne ich meine Augen an diesem Morgen. Diesmal bewusster und klarer. Ich lächele und schlage die Bettdecke zur anderen Seite. Es wird ein guter Morgen. Falsch. Es IST ein guter Morgen.

4.

Ich öffne den Knopf der Hose und lasse sie zu Boden gleiten. Mit einer schnellen Fußbewegung schleudere ich sie in die eine Ecke des Badezimmers, in der sich bereits andere Schmutzwäsche sammelt. Gänsehaut zieht sich augenblicklich über meine Beine. Abwechselnd hebe ich erst den linken und dann den rechten Fuß, um so wenig wie möglich in Berührung mit den eiskalten Fliesen zu kommen. Hastig ziehe ich mir das Shirt über den Kopf. Die Kälte lässt meinen Körper kontrolllos werden und ich schüttele mich. Großen Schrittes laufe ich zielsicher zu meinem Schlafzimmer und öffne mit einer noch schnelleren Handbewegung meinen BH, der geräuschlos zu Boden fällt.

Die wenigen Sekunden bis zu meinem Bett kommen mir wie eine Ewigkeit vor und ein leiser Seufzer entweicht mir, als ich endlich in die weiche Bettwäsche falle. Ein letzter kalter Schauer lässt mich frösteln, ehe meine eigene Körperwärme durch die dicke Bettdecke isoliert wird. Mit einem Ruck ziehe ich sie mir bis zur Nasenspitze und atme den Duft der frisch gewaschenen Bettwäsche ein. Schon als Kind war dies einer meiner liebsten Momente. Erinnerungen an eine etwas zu stark gestärkte Bettwäsche, die bei jeder Bewegung einen so intensiven Waschmittelduft verteilt, dass man diesen die ganze Nacht über riechen kann, überfallen mich. Sie sind für immer in meinen Kopf gebrannt!

Er mochte dies ebenfalls sehr gerne. Jedes Mal begann er schon vor Freude hibbelig von einem Fuß auf den anderen zu tanzen wenn ich das Bett frisch bezog. Er konnte es kaum erwarten, als erstes mit einem breiten Grinsen in das Bett zu stürmen, sobald ich fertig war. Zum Dank zog er mich nach seinem Endorphinschub auf sich. Gemeinsam lagen wir da und die Bettwäsche schmiegte sich wie ein Rahmen um unsere Körper. Danach kam der Moment, weswegen ich das Bett so gerne freiwillig bezog. Quasi mein persönlicher Gefühlsrausch. Wenn seine Hände sich an mein Gesicht legten und es zu sich zogen und mir die Sekunden jedes Mal wie Stunden vor kamen, bis sich unsere Lippen berührten. Für jenen Augenblick stand die Zeit still.

Ich drehe mich seufzend zur Seite und drücke mein Gesicht in das Kopfkissen. In meinem Magen liegen schwere Steine. Wie selbstverständlich unsere Küsse irgendwann wurden. Ein schneller Kuss zum Abschied und zur Begrüßung. Beiläufig. Ich versuche mir dieses Gefühl unserer Küsse ins Gedächtnis zu rufen aber es gelingt mir nicht. Ich bekomme nur einen kleinen Windhauch dieser so großen Emotion zu spüren und werde traurig. „Man lernt Dinge in seinem Leben erst zu schätzen, wenn sie nicht mehr vorhanden sind.“, schallt in meinem Kopf und ein kleines, unbewusstes Nicken bestätigt diese Weisheit.

3.

Ich nehme zwei Stufen auf einmal und hinterlasse nasse Spuren auf dem Boden. Mist! Das wird wieder Ärger mit dem Hausmeister geben, weil ich mir nicht vorher die Füße abgetreten habe, bevor ich das Haus betrat. Schon lange habe ich mir vorgenommen, diese Löwenhöhle hier zu verlassen. Da wäre zum Beispiel ‚Frau Bild‘. Es passiert irgendetwas Neues in deinem Leben? Dann kannst du davon ausgehen, dass Frau Extrablatt es bereits einen Tag vorher wusste, bevor du überhaupt davon erfahren hast.  In der Wohnung über mir lebt ‚Herr Miesepeter‘. Herr Miesepeter schimpft über dich, das Wetter, den Postmann, das Kaninchen des Nachbarkindes  und Tauben kann er auch nicht leiden. Man sollte es nie wagen, in seiner Nähe auch nur falsch zu husten.

Die Krönung des ganzen Spektakels ist aber der Hausmeister selbst. Ich nenne ihn immer liebevoll ‚Herr Spürnase‘. Dieser werte Herr hat zwei Lieblingsbeschäftigungen. Zum einen scheucht er die Kinder des Hauses am liebsten mit großen Erdklumpen aus den Blumentöpfen auf seinem Balkon durch die Gegend, wenn sie wieder einmal im Haus Hof schallend lachten. Zum anderen liebt er es, die Nase in fremde Mülltüten zu stecken, um somit mögliche Müllfalschsortierverbrecher zu entlarven. Nicht zu vergessen ist da aber auch noch Vincent. Ein Schmunzeln huscht mir über mein Gesicht, als ich an sein verlegenes Lächeln denke.

Am Ende kann ich mich aber einfach nicht von meiner kleinen Wohnung trennen. Es war Liebe auf den ersten Blick! Ich kenne sie auswendig und sie mich. Wenn ich in der Nacht aufwache und mit den Fingerspitzen an der Wand des dunklen Flurs entlang streiche, weiß ich ganz genau, dass sich der Lichtschalter zwei Zentimeter hinter der kleinen Wölbung in der Wand befindet. Ich weiß, dass die eine Diele im Wohnzimmer knarrt, sollte man es wagen auf sie zu treten und ich weiß dass durch das Fenster in der Küche immer die Straßenlaterne leuchtet und dass man dort im sanften orangen Licht sehr gemütlich einen letzten Tee vor dem Schlafen gehen trinken kann. Meine vier Wände. Zu Hause.

Müde schließe ich die Wohnung auf und ziehe mir die tropfnassen Schuhe vor der Haustür aus. Ich trete ein und wie in einer Muschel umschließt mich sofort der wohlvertraute Geruch meines Heims. Wie sehr ich diese Augenblicke vermissen würde. Auf der Kommode im Flur liegt ein Haargummi, mit dem ich mir mit zwei schnellen Bewegungen einen Haarknoten zaubere.  Ein paar Schneeflocken, die sich in meinen Haaren verfangen hatten, schmelzen augenblicklich in meinen Handflächen. Ich wische mir die nassen Hände an der Hose ab. Langsam traue ich mich wieder in das Bad. Durch die Dunkelheit sind lediglich Schatten und grobe Umrisse zu erkennen. Mit schnellen Bewegungen putze ich mir die Zähne und wasche mein Gesicht. Den Blick in den dunklen Spiegel wage ich nicht.

2.

Mit einer trotzigen Geste wische ich mir über die verheulten Augen und ziehe den Rotz in der Nase hoch. „Ach leck mich doch!“, schreie ich der Frau im Spiel entgegen und drehe mich um. Der Schmerz in der Schläfe pocht ununterbrochen weiter. Im gleichen Rhythmus bohren sich meine Fingernägel in die Handflächen.  Schmerz gegen Schmerz, vielleicht klappt es ja jetzt?

Ich bewege mich durch die Wohnung wie ein Tiger auf Beutejagd und überlege, was ich mit dieser angestaunten Energie mache? Kurz entschlossen, reiße ich die Jacke vom Ständer. Meine schnellen Schritte hallen durch den Hausflur, bevor ich die Haustür öffne. Die eiskalte Luft gefriert augenblicklich in meiner Lunge. Ich zwinge mich, ein weiteres Mal tief durchzuatmen und merke das die innere Hitze, die wie Lava in meinem Bauch kochte, erlischt. Mit einem lauten Knall schließt sich die Tür hinter mir. Gute Entscheidung.

Es ist gar nicht so leicht, über die gefroren Straßen zu gehen. Die tiefschwarze Nacht macht dies nicht gerade einfacher. Wackelig setze ich einen Fuß vor den anderen. Schritt für Schritt. Ein Grinsen macht sich über mein, mittlerweile durch die Kälte steifes Gesicht breit. Wozu die ganzen Ratgeber und Lebensweisheiten, die in Bücher gepresst sind, wenn dir dein Leben selbst die Grenzen und Wege zeigt. Vorausgesetzt du siehst diese kleinen Zeichen.

Der Schnee knackt unter den Schuhen und tausende von Kindheitserinnerungen durchströmen mich. Langsam beginnt der Abend wieder in richtige Bahnen zu laufen. Einmal um den Block gelaufen merke ich, dass meine innere Unruhe erfroren ist. Ganz abgesehen von meinen Füßen. Vorsichtigen Schrittes schreite ich die drei Stufen zur Haustür empor, als sie sich genau in diesem Augenblick von alleine öffnet. Vor lauter Schreck entweicht mir ein kleiner Schrei. „Oh. Entschuldigung Hannah!“ Zwei smaragdgrüne Augen suchen zielsicher meinen Blick.

„Kein Problem Vincent.“, flüstere ich, um nicht noch die anderen Nachbarn zu wecken. „Hätte nicht damit gerechnet, jemanden um diese Uhrzeit noch hier draußen zu erwischen.“ murmelt er. „Ja ich.. äh… ja ich wollte noch für einen Moment den Schnee genießen!“, stottere ich vor mich hin, während ich mich an ihm vorbei in den Hausflur schleiche. Seine Augen lassen meine los und werfen nun einen Blick in die weiße Welt vor der Tür. Es vergehen ein paar Sekunden, ehe er wieder Worte findet. „So, als wär die Welt nun ein leeres Blatt Papier, das nur darauf wartet, beschrieben zu werden. Quasi ein Neuanfang.“ Ich lächele und antworte leise „Ja.“

Einige Augenblicke verharren wir beide, ehe er sich räuspert und sich verlegen an der Nase kratzt. „Äh.. ja. Du Hannah, ich muss jetzt auch los! Ich wünsch dir eine schöne Nacht!“ „Danke Vincent, ich dir auch! Rutsch nicht aus!“ Ein schiefes Grinsen erreicht mich, dann dreht er sich um und ich erhasche einen letzten Blick auf seine schwarzen Locken die leicht im Wind wippen.

1.

Ruckartig klappe ich den Laptop zu. Der Plastikverschluss knackt bedrohlich, als er in die dafür vorhergesehene Öffnung gleitet. „Das hätte schief gehen können… “, denke ich, während im selben Augenblick immer noch dieses Bild vor meinen Augen schwebt. „Arsch!“ Wütend schlage ich mit der Faust gegen das Sofakissen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich oder ihn damit meine. Seine Aktion oder mein naives Vertrauen? Vertrauen in eine Person, die nicht greifbar ist und es nun auch nie sein wird. Wie ein Blitz treffen mich seine Worte der letzten Wochen. „Ich will dich. Ich brauche dich.“

Müde sacke ich in mich zusammen, die Hände auf mein Gesicht gelegt. Vorsichtig beginne ich mit den Fingerspitzen an der Schläfe entlang zu fahren. Erst langsam und behutsam, dann intensiver und fester. Aus dem anfänglichen Zögern wird nun schmerzerfüllender Druck auf den Kopf. Schmerz gegen Schmerz. War nicht schon Minus und Minus gleich Plus?

Als das Pochen  unerträglich wird, stehe ich auf und bewege mich ins Bad. „Diese verdammten Kopfschmerztabletten müssen doch irgendwo sein!?“ Energisch durchwühle ich die Schublade. Millionen von Beipackzetteln fliegen mir entgegen. „Die scheinen sich auch vergnügt im Dunkeln zu vermehren…“ Um mich herum schneit es Beipackzettel wie Schneeflocken im tiefsten Winter. Endlich gelingt mir der herbei gesehnte Treffer. „Ha!“ Wie nach einem Wettrennen halte ich die Tablettenpackung in der ausgestreckten Hand. Für einen kurzen Augenblick fühle ich mich hingezogen ‚We are the Champions‘ zu singen, verkneife es mir aber und drücke mir stattdessen eine der Tabletten in den Mund.

Genau in dem Moment stehe ich plötzlich mitten in meinem Kopfkino. Ich sehe dich und ich sehe mich. Dort draußen vor der Uni sitzen wir auf einer Bank. Du siehst mir zu, wie ich mir ohne zu zögern einfach eine Tablette in den Mund stecke und sie schlucke. Dein Blick wechselt vom puren entsetzen ins angewidert und ich höre wie du leise „Das kann doch nicht wahr sein! Wie kann ein Mensch dieses riesen Teil ohne Wasser runter kriegen ohne dabei elendig zu verrecken?“ murmelst. Siegessicher grinse ich in dein erstauntes Gesicht.

So schnell wie die Erinnerung mich überrollt, stoppt sie auch. Ich schluckte. Die mittlerweile bröckelige Tablette macht mir schlagartig bewusst, dass ich im hier und jetzt stehe. Ein Hustenanfall nach dem anderen schüttelt mich und befördert klitzekleine Krümel durch mein Badezimmer. „Ironie oder Schicksal?“ schaffe ich noch zu denken, während ich würgend über dem Waschbecken hänge. Ich blicke hoch in den Spiegel darüber und befreie ihn mit einer schnellen Handbewegung von Speichel und Tablettenresten.

Müde sehe ich aus. Unaussprechlich müde. Ich kneife mir in die Wangen, die sich durch die grobe Geste schlagartig rot verfärben. Greife zum Spiegelbild und berühre die roten Stellen dort. Gleichzeitig versuche ich mit dem Zeigefinger die Tränen dieser Frau wegzuwischen, doch es gelingt mir nicht.