Für einige Sekunden steh ich da also eingefroren im Hier und Jetzt. Was wohl passieren würde wenn ich mich einfach nicht mehr bewege? Ich drücke meine Füße fest gegen den Boden. Würden mir mit der Zeit Wurzeln wachsen, die mir die fehlende Erdung in meinem Leben schenken? Ich erhöhe den Druck auf meine Füße und spanne meine Beine an. Würde ich zu Stein werden? Hart und kalt, ohne die geringste Fähigkeit zu empfinden? Unzerstörbar? Die Muskeln in meinen Beinen beginnen zu zittern als ich die Fersen so voller Kraft in den Boden unter mir stemme, dass man meinen könnte, es würden Dellen entstehen. Ich halte diese Körperspannung noch weiter zwei Sekunden aus, ehe meine Beine nach geben und ich auf die Knie falle. Der Knoten des Bademantels löst sich und gibt meine Haut frei. Wie ein Vorhang im Theater, schließt er sich zu beiden Seiten um mich. “Erbärmlich”, schießt es mir durch den Kopf. “Du bist so erbärmlich.”
Eine Weile bleibe ich noch so liegen und höre meinem eigenem Atem zu. Er ist nicht gleichmäßig und ruhig sondern viel zu schnell und er endet immer wieder ruckartig. Warten und heulen kann ich. Heulen und warten. So wie Emma auf die Momente wartet, in denen sie mal wieder “sterben” konnte, und ja sie stirbt wahrlich für ihr Leben gerne, so warte ich auch. Ich habe nur ein Problem. Ein klitzekleines und eigentlich auch gar unwichtiges Problem bei der ganzen Warterei. Ich habe keinen Grund hierfür. Ich meine dieser Prozess des Wartens ist eigentlich von einem Anfang und einem Ende bestimmt. Niemand käme auf die Idee sich eine Pizza zu bestellen und diese dann einfach nicht mehr in Empfang zu nehmen, wenn der Pizzabote vor der Tür steht um dem warten ein Ende zu bereiten. Wobei ich mir eingestehen muss, dass ich gerne seinen Blick sehen würde wenn man ihn darum bitten würde einfach wieder zu gehen, weil man beschlossen hat eine Ewigkeit auf seine Pizza zu warten. Es wäre auch völlig idiotisch, sich an einen Bahnhof zu stellen und nicht in den Zug zu steigen auf den man gewartet hat. Egal wie ich es drehe oder wende, man sollte einen Grund für das warten haben. Wieso, verdammt nochmal, habe ich diesen dann nicht?
Worauf warte ich?
Ich greife mir eines der Endes des Gurtes am Bademantel und tupfe mir über meine nassen Augen. Mittlerweile brennen sie bei jeder Berührung wie Feuer und ich brauche nicht in den Spiel zu gucken, um zu sehen, dass sie auch genauso rot sind. Wenigstens ist der Stoff des Mantels butterweich und ich bin gewillt mein Gesicht in ihn zu drücken. Zuckerwattenfeeling. Man gönnt sich ja sonst nichts, nicht wahr? Als hätten die Bandemantelproduzenten diese, ich muss zugeben auch nicht gerade günstigen Schätze, genau für solche bitteren Momente im Leben geschaffen. Sie verdienen meiner Meinung nach viel mehr Respekt für solch ein einmaliges Produkt! Denke darüber nach ihnen eine Dankes Email zu schreiben. Einer muss schließlich den Anfang machen. Ein glucksen bei dem Gedanken daran, überrollt mich von innen. Ich merke wie es hoch krabbelt und dann schallend aus mir bricht. Erneut schiessen mir die Tränen in die Augen aber dieses mal werden sie durch mein Lachen freigesetzt. Kichernd rolle ich mich auf den Rücken und halt meinen nackten Bauch.
Vielleicht hatte Emma Recht? Vielleicht war es wirklich an der Zeit dieses Selbstmitleid zu beenden. Ich fiel als er ging und ich stehe wieder alleine auf. Plötzlich fällt es mir wie Schuppen von den Augen und ich halte die Luft an. Nein mein warten war gar nicht grundlos und es war auch nicht sinnfrei. Ich wartete immer noch auf ihn und während ich diesen Gedanken laut denke, ist es so als würde ein Schalter kippen. Er ist aus meinem Herzen gegangen, ohne richtig auf Wiedersehe zu sagen und ich stand immer noch vor dieser verschlossen Tür und wartete darauf, dass er zurück kommen würde. Aber er würde nicht kommen. Er würde zum Teufel nicht wieder kommen und es ist nun für mich an der Zeit, die Tür noch mal zu öffnen und ihm hinterher zu schreien das diese sich für ihn auch nie, wirklich nie, mehr öffnen würde.
Es war an der Zeit aufzustehen. Und nein, nicht nur weil mir mittlerweile so kalt geworden ist, dass ich jedem Eisblock hätte Konkurrenz machen können, nein es war jetzt endlich der richtige Moment um einen Schlussstrich zu ziehen. Und während ich mich mit meinen kalten Gliedern, ächzend vom Boden auf raffte und zur Küche bewegte, schlossen sich meine Finger wie von selbst um die herum liegenden Kinderriegelverpackungen. Ich setzte meinen Fuß schwungvoll auf den Öffner der Mülltonne und als würden die Papierchen stinken, pfefferte ich sie hinein. Zufrieden sah ich mich noch eine Augenblick in der Chrome Oberfläche des Eimers spiegeln, bevor der Deckel scheppernd zu knallte. Emma konnte kommen!